• brittamatheus

Wann hilft Beratung? Teil I

Welche Themen können in einer Beratung oder einem Coaching besprochen und bearbeitet werden? Und für welche Anliegen sollte man sich lieber an einen Psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten wenden? Diese Fragen wollen wir in diesem Blogbeitrag beleuchten.


In den letzten Jahren hat die Zahl von Beratungs- und Coachingangeboten enorm zugenommen. Sie scheinen in der Gesellschaft einem Bedarf zu entsprechen, der dazu führt, dass immer mehr Menschen sich entschließen, Beratung und Coaching anzubieten.

Viele, die sich in dem Bereich der sozialen Dienstleistungen nicht so gut auskennen, wissen vielleicht gar nicht so genau, was sie sich unter diesen Begriffen vorstellen sollen und wozu das gut ist. Und viele, die Unterstützung und Hilfe bei psychologischen Themen suchen, stellen sich im Angesicht der Vielzahl an Möglichkeiten und Angeboten die Frage: Was unterscheidet denn Beratung von Psychotherapie? Und welche Option ist für mich und mein Anliegen sinnvoll? Wo finde ich die Unterstützung, die ich brauche?

In diesem Beitrag möchte ich versuchen, zu erklären, wann Beratung sinnvoll ist, welche Themen Beratung bearbeiten kann und wann es hilfreicher ist, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben.

Wann Beratung, wann Psychotherapie?

Der wohl größte und definitiv wichtigste Faktor bei der Frage, ob ich mir eher eine Psychotherapie oder eine Beratung bzw. ein Coaching suchen sollte, ist der individuelle Leidensdruck. Wie schlecht geht es mir mit dem Anliegen, das ich habe? Ist es so schlimm, dass es meinen Alltag massiv beeinträchtigt? Habe ich das Gefühl, durch dieses Anliegen extrem in meinem Wohlbefinden eingeschränkt zu sein? Führt es dazu, dass ich für längere Zeit, das heißt über mehr als zwei Wochen hinweg, stark darunter leide und ich wirklich sagen würde, dass es mir schlecht geht?

Belastet es mich in mehr als nur einem recht spezifischen Bereich meines Lebens, ist es ein übergreifendes Problem, das nicht nur auf ein bestimmtes Thema begrenzt ist, sondern mich umfassend in verschiedenen Aspekten meines Lebens beeinträchtigt?


Wenn diese Merkmale zutreffen, würde ich eher dazu raten, intensive psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, oder zumindest bei einem Facharzt oder Psychologischen Psychotherapeuten diagnostisch abklären zu lassen, ob eine Psychotherapie sinnvoll ist, denn dann deutet es darauf hin, dass das eigene Unwohlsein Krankheitswert hat und dementsprechend behandelt werden sollte. Zudem wird die Therapie in dem Falle von der Krankenkasse übernommen.

Wenn man jedoch eher Aussagen wie den folgenden zustimmen kann – es ist nicht so schlimm, dass es mich gravierend in meinem Leben einschränken würde, es kommt hin und wieder mal auf und stört mich, doch es belastet mich nicht so sehr, dass ich sagen würde, dass ich extrem darunter leide, oder es betrifft einen ganz bestimmten Aspekt meines Lebens, zum Beispiel meine berufliche Perspektive oder aber meine Partnerschaft, doch es schadet den anderen Bereichen meines Lebens nicht – dann ist Beratung eine gute und sehr sinnvolle Alternative.


Auch kann man sich die Frage stellen, ob es eine relativ eindeutige Ursache für mein Anliegen gibt – sind es bestimmte Lebensumstände, die mich bedrücken, oder ein bestimmter Konflikt, der mich belastet? Oder ist es ein eher diffuses Unwohlsein, das man mit sich trägt, ohne eine ganz eindeutige Ursache dafür zu kennen, und das auch nicht weggeht, wenn sich die Umstände ändern? In letzterem Fall wäre eine Psychotherapie, die sich intensiv mit tiefgreifenden psychologischen Prozessen befasst, wohl sinnvoller als ein alltagsorientierter Beratungsprozess.


Wenn man sich nicht ganz sicher ist, wie man das eigene Thema einzuordnen hat, dann ist es durchaus möglich, dies sowohl in einer ersten Beratungssitzung, als auch in einem Erstgespräch mit einem Psychologischen Psychotherapeuten anzusprechen. In diesem Falle wäre es wichtig, bei einer Beratung darauf zu achten, dass diese von jemandem durchgeführt wird, der psychologische Fachkenntnisse hat, d.h. im besten Fall ein Psychologiestudium absolviert hat, und über das nötige Hintergrundwissen verfügt, um einschätzen zu können, ob das Anliegen in einer Psychotherapie besser aufgehoben sein könnte.

Und wann vielleicht auch beides?

Es ist durchaus auch möglich, eine Beratung als Übergangs-Angebot zu nutzen. Wenn man sich entschieden hat, eine Psychotherapie zu beginnen, und nach den ersten Kontakten bei einem Psychotherapeuten auch einen Therapieplatz in Aussicht hat, dann ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass man einige Monate warten muss, bis die Therapie beginnen kann.

In dieser Phase des Wartens kann es hilfreich sein, sie mit ein paar Beratungsstunden zu überbrücken. In der Beratung kann dann nicht so intensiv auf das eigentliche Thema der Therapie eingegangen werden, doch es können Anliegen besprochen werden, die den aktuellen Lebensalltag verbessern können, damit der Leidensdruck etwas verringert wird. So fällt es mitunter leichter, diese Zeit bis zum Therapiebeginn gut zu überstehen.


Eine andere Konstellation, in der beides möglich ist, wäre, wenn zwar die Voraussetzungen für eine Psychotherapie bestehen, daneben aber auch Anliegen, die mit der psychischen Erkrankung an sich nicht direkt in Verbindung stehen – wenn also ein zusätzliches Anliegen besteht, das in einer Beratung gut aufgehoben ist. In diesem Falle kann es sinnvoll sein, trotz einer Therapie auch ein paar Beratungsstunden zu nehmen, um sich diesem spezifischen Thema separat zu widmen.

Welche Themen sind für eine Beratung geeignet?

Klassische Anliegen, die in einer Beratung oder einem Coaching bearbeitet werden können, sind zum Beispiel Orientierungsfragen, Entscheidungsfindung oder Konfliktbewältigung. Ich möchte hier einige Beispiele nennen.


So kann es sehr sinnvoll und nützlich sein, ein paar Coachingstunden zu nehmen, wenn man sich schon länger mit dem Gedanken trägt, ob man sich beruflich umorientieren möchte, neue Wege gehen möchte, oder wenn sich die Frage stellt: „war das wirklich schon alles im Leben?“ Coaching kann helfen, wenn man unterschiedliche Lebenswege gegeneinander abwägen möchte, neue Perspektiven sucht oder überhaupt erst einmal herausfinden möchte, wo die eigene Reise hingehen soll.


Beratung kann auch dabei helfen, wenn man eine Entscheidung treffen muss, mit der man sich schwertut, die man vielleicht schon eine Weile vor sich herschiebt. In einem Beratungsprozess werden dann die verschiedenen Optionen beleuchtet, Perspektiven entwickelt und auch diejenigen Faktoren berücksichtigt, die zu der Situation geführt haben. Indem man sich selbst Zeit nimmt, die eigene Haltung zu reflektieren und verschiedene Szenarien durchzuspielen, kann eine Entscheidung leichter fallen.


Auch der Umgang mit Partnerschafts- oder Familienkonflikten sind typische Beratungsanliegen – dies kann sowohl alleine, als auch gemeinsam als Paar oder Familie geschehen. Es ist durchaus auch möglich, die Situation zu verbessern, wenn man sich nur selbst über die eigene Rolle im Konflikt bewusst wird, ohne dass notwendigerweise alle Beteiligten in der Beratung anwesend sein müssen. Es hilft, Konfliktsituationen und die unterschiedlichen Positionen besser nachzuvollziehen und sich dazu zu verhalten.


Dasselbe gilt für die Bewältigung von sogenannten Schwellensituationen – Phasen im Leben, die einen Umbruch mit sich bringen, die Unsicherheit hervorrufen, in denen man das Gefühl hat, die Orientierung zu verlieren (die klassische Quarterlife- oder Midlife-Crisis wäre ein gutes Beispiel dafür, ein Jobwechsel, die Gründung einer Familie, eine Trennung etc.).


Beratung kann eingesetzt werden zur allgemeinen Stärkung des Selbstwertgefühls und des eigenen Kompetenzerlebens, wenn man sich z.B. für eine anstehende Aufgabe oder Herausforderung psychisch wappnen möchte, oder gerade eine herausfordernde Zeit hinter sich hat, in der die eigene Resilienz Federn gelassen hat, und man seine Akkus wieder aufladen möchte.


Insgesamt ist Beratung hilfreich bei Anliegen, die man selbst im eigenen Kopf schon zur Genüge durchgekaut hat, und wo man einfach keine rechte Lösung finden mag, egal, welches Thema sie betreffen mögen. In diesem Fall kann Beratung neue Impulse bringen, indem sie einen einlädt, mal aus einem Blickwinkel auf das Thema zu schauen, den man noch nie erwogen hat, oder Aspekte eines Themas zu beleuchten, über die man bisher noch nicht nachgedacht hat.



Titelbild: Engin_Akyurt, pixabay.com