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Interview: "Leben ist, Schaden zu nehmen"

Ein Gespräch mit Till Raether über sein neu erschienenes Buch: „Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?“


Till Raether arbeitet als freier Journalist und Kolumnist unter anderem für die Frauenzeitschrift Brigitte und das SZ-Magazin. Zudem hat er mehrere Romane veröffentlicht. Sein neustes Buch ist ein Bericht über seine persönlichen Erfahrungen mit Depressionen, und die Schilderung seines Umgangs damit. Für aufklappen.com habe ich mit ihm über die gesellschaftlichen Aspekte der Krankheit, die Bedeutung der Diagnose und den Prozess der Verantwortungsübernahme gesprochen.



Copyright: Stephanie Brinkkoetter



Britta Mathéus: Man spricht häufig von der Depression als einer „Volkskrankheit“. Ist eine Depression Ihrer Einschätzung nach eher ein individuelles oder ein gesellschaftliches Problem?


Till Raether: Ich denke, dass Depression eine individuelle Erkrankung ist, die durch bestimmte gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie Stress, Leistungsdruck, wirtschaftliche Unsicherheit und ähnliche Faktoren ausgelöst, verstärkt oder verschleppt wird.


In Ihrem Buch erwähnen Sie Alain Ehrenbergs Buch „Das erschöpfte Selbst“. Was halten Sie von dem Begriff der „kranken Gesellschaft“, den auch bekannte Autoren wie Erich Fromm oder aktuell Manfred Lütz geprägt haben? Ist unser „Normal“ eher gesund oder krank? Wie kann es unserer Gesellschaft, und jedem einzelnen in ihr, gelingen, sich aus der Sinnlosigkeit, die nach Ehrenberg der Hauptgrund für unsere seelische Erschöpfung ist, zu befreien?


Nach meiner persönlichen Erfahrung ist es hilfreich, sich klarzumachen, dass es womöglich unmöglich oder nicht erstrebenswert ist, eine gesellschaftliche Norm von Einsatzbereitschaft, Belastbarkeit, Leistungsfähigkeit zu erreichen oder anzustreben. Sich klarzumachen, dass diese Normen nicht naturgegeben sind, und dass sie sich wandeln können, dass man sich ihnen entziehen kann, empfinde ich als entlastend und ermutigend. Was die Begrifflichkeit von Lütz angeht: Es behagt mir nicht, etwas metaphorisch als „krank“ zu bezeichnen, und sei es die Gesellschaft. Aus meiner Sicht verleitet dieser Begriff außerhalb enger Kontexte dazu, Ursachen gesellschaftlicher Prozesse metaphorisch eher zu verschleiern als sie zu erhellen.


Wie wichtig ist für die Frage, wie es mir geht, die Entscheidung, ob das, was ich fühle, noch gesund ist oder schon krank?


Ich finde die Kategorie „krank“ insofern nicht unwichtig, als sie mir gewisse logistische Möglichkeiten eröffnet hat, um mich besser zu fühlen: Lieber als „krank“ würde ich sagen, ich habe eine Diagnose erhalten, und diese Diagnose hat mir den Zugang zu Medikation und Therapie verschafft. Davon abgesehen sind solche Kategorien für mich wichtig gewesen bei der Beantwortung der Frage, ob ich überhaupt ein Recht darauf habe, dass es mir besser geht. Das finde ich zwar noch verständlich, aber im Nachhinein schade: Warum sollte ich nur ein Anrecht auf Besserung haben, wenn ich mich selbst „krank“ nenne, oder wenn ich eine Diagnose erhalte?


In den sozialen Medien vertreten viele sehr lautstark die These, dass eine psychische Erkrankung nicht viel anders sei als ein Beinbruch. Ist man depressiv oder hat man eine Depression? Und macht die Vorstellung, eine Depression passiere einem ohne eigenes Zutun, nicht nur noch hilfloser?


Mir ist diese These noch nicht begegnet. Ich weiß nicht, was mit „eigenes Zutun“ gemeint ist, das impliziert ja ein Element der Selbstverantwortung, so, als hätte man es verhindern können, dass man depressiv wird. Ich empfinde es so, dass ich eine Verantwortung dafür habe, nach Möglichkeit Besserung zu suchen, aber keine Verantwortung dafür, dass ich depressiv bin.


Ich möchte keinesfalls implizieren, dass man als Depressiver selbst Schuld sei am eigenen Leid. Dennoch funktioniert eine Depression ja nicht wie ein Beinbruch, der einem urplötzlich auf der Straße zustößt. Als Psychologin sehe ich gerade in der Ambivalenz zwischen der Tatsache, dass wir uns als frei denkende, handlungsfähige Wesen definieren, und der systematischen Verzerrung des Denkens und Erlebens, durch welche sich eine Depression auszeichnet, die größte Schwierigkeit meines Faches.


Ja, ich verstehe. Ich glaube, ich habe ein Problem mit dem Wort „Zutun“, weil doch möglicherweise Ursachen oder Auslöser von Depressionen in der Kindheit liegen, und weil das so klingt, als hätte man daran einen Anteil gehabt, ein Zutun. Aber klar, auch aus meiner Sicht als Depressiver ist die große Herausforderung, zu erkennen, wo ich durch die, mit der und sozusagen im Sinne der Depression handele, und wo ich mich noch entscheiden kann, in meinem Interesse jenseits der Depression zu handeln. Genau diesen Zwiespalt empfinde ich auch: Mich eigentlich als, wie Sie sagen, frei denkendes, handlungsfähiges Wesen zu definieren, aber durch die Depression ständig Grenzen dieser Freiheit und Handlungsfähigkeit gezeigt zu bekommen.


Ist eine Depression eher Ursache oder eher Versuch der Lösung? Wozu ist eine Depression gut?


Ich denke, eine Depression ist ein nicht erstrebenswerter Zustand, aus dem ich zum Beispiel versuche, im Rahmen meiner Möglichkeiten das Beste zu machen. Lieber wäre ich ohne sie. Ich denke nicht, dass meine Depression zu irgend etwas gut ist.


Die gängigen psychologischen Entstehungsmodelle der großen psychotherapeutischen Schulen würden Ihnen in diesem Punkt widersprechen – insofern, als dass sich eine Depression als zwar dysfunktionale, aber nachvollziehbare Reaktion auf Umweltfaktoren entwickelt. In diesem Sinne wäre eine Depression zwar natürlich nicht erstrebenswert, aber auch nicht nutzlos.


Ich hoffe als Depressiver natürlich auf diesen Widerspruch, und es gehört zu der Einstellung, mit der ich zur Therapie gehe: darauf zu vertrauen, dass die Therapeutin mir widerspricht, wenn ich sage, meine Depression ist zu nichts gut. Dass sie nicht nutzlos ist, lerne ich gerade. Sie hat mir geholfen, meine Lebensumstände zu ändern, mich aus Zusammenhängen zu befreien, die mir geschadet haben, sie hat mir geholfen, gesellschaftliche Mechanismen grundsätzlicher infrage zu stellen und mich weniger destruktiv zu verhalten. Für mich als von Depression Betroffenen bleibt dabei aber ein unguter Beigeschmack, die Befürchtung, die Depression zu überhöhen. Was ich aufgrund der Depression geändert habe, hätte ich lieber ohne Depression getan.


In Lifestyle-Frauenmagazinen wird oft suggeriert, der Weg zum Glück sei vergleichsweise einfach – ein wenig Achtsamkeit, ein wenig Selbstliebe. Macht uns die Annahme, dass wir eigentlich nur einen Schritt vom Glück entfernt sind, glücklicher oder unglücklicher?


Viele Frauenmagazine, die ich kenne, beschreiben das deutlich differenzierter: vielleicht so, dass es „das Glück“, von dem man „nur einen Schritt entfernt“ sein könnte, gar nicht gibt, und dass einen bestenfalls bestimmte Prozesse glücklicher oder zufriedener machen können, die aber nie abgeschlossen sind.


Was unterscheidet einen Prozess, der glücklicher machen kann, von der Selbstoptimierung, die sich gut verkaufen lässt, und die letztlich doch nur neue Methoden für den Werkzeugkoffer des Funktionierens liefert?


Für mein Verständnis bedeutet „Selbstoptimierung“, dass man das Ziel hat, aus sich das Optimum, also das Beste macht oder herausholt. Dinge, die mich glücklicher oder zufriedener machen, sind nach meinem Verständnis solche, bei denen dieser Prozess im Vordergrund steht. Kochrezepte. Eine Handarbeitsidee. Oder, auf einer anderen Ebene, eine Therapie.


Wie übersteht man seine Kindheit unbeschadet?


Ich finde nicht, dass man das muss. Leben ist, Schaden zu nehmen. Hoffentlich erfahren Menschen in ihrer Kindheit genug Liebe und entwickeln genug Vertrauen, um diese Beschädigungen auszuhalten.


Sie sprechen in Ihrem Buch von einem Interview mit der Familientherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin, in dem sie sagt, ab dreißig sei man für sein Gesicht selbst verantwortlich. Verstehen Sie diese Aussage mittlerweile anders als damals?


Damals dachte ich, mit der Aussage, man sei mit dreißig für sein Gesicht, oder, wie sie ausführt, sein Leben verantwortlich, meint sie: Es lohnt sich nicht, zurückzuschauen und mit der Vergangenheit zu hadern. Inzwischen denke ich, sie meint, dass man ab einem Punkt nicht mehr anderen die Verantwortung dafür geben kann, wie es einem geht, sondern dass man diese Verantwortung selbst übernehmen muss. Und dazu gehört nach meinem heutigen Verständnis durchaus, auch zurückzuschauen und zu hadern.