• brittamatheus

Veränderung, um die niemand gebeten hat

Die Corona-Krise und ihre psychischen Auswirkungen




Eine Krise wie die Corona-Pandemie wirkt sich nicht nur auf die Gesellschaft, sondern auch auf das Wohlbefinden jedes Einzelnen aus. Eine Umfrage der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) zeigt, dass sich immer mehr Menschen hilfesuchend an Psychotherapeuten wenden. Das psychotherapeutische Versorgungssystem, das sich schon vor der Pandemie am Limit befand, werde „förmlich überrannt“, sagte der Vorsitzende der DPtV, Gebhard Hentschel, der F.A.Z. gegenüber, und eine Wartezeit auf einen Therapieplatz von über einem halben Jahr sei eher die Regel als die Ausnahme.


Bei der Überlastung des Gesundheitssystems kommt die Frage nach angemessenen Alternativen auf. Denn nicht jede psychische Belastung entspricht einer klinischen Diagnose und ist daher psychotherapeutisch behandlungsbedürftig.


Corona hat unseren Alltag gehörig auf den Kopf gestellt, und bringt gleich mehrere Herausforderungen mit sich, die sich belastend auf die psychische Gesundheit auswirken.

Zum Einen führt die äußere Bedrohung durch die Krankheit, den Lockdown und seine wirtschaftlichen Folgen zu einer allgemeinen Verunsicherung und dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Die Ungewissheit, wie lange dieser Zustand noch anhält, und eine sich ständig ändernde Ausgangssituation führen mit zunehmender Länge des Lockdowns zu enormer Frustration und Hilflosigkeit.


Für (nahezu) alle Menschen bringt die aktuelle Lage Veränderungen mit sich, um die man nicht gebeten hat – für viele haben die Belastungen deutlich zugenommen, für andere haben sie sich im Vergleich zum Alltag einfach nur verändert. Auch diejenigen, denen eine Unterbrechung des üblichen Lebens zu Beginn der Pandemie gut tat (laut ZEIT-Umfrage ging es den abstimmenden Lesern zu Beginn des ersten Lockdowns durchschnittlich sogar besser als im normalen Alltag), sehnen sich allmählich nach Normalität zurück. Und selbst dem verständigsten und bereitwillig den Vorgaben folgenden Bürger kann nach beinahe einem Jahr der Beschränkung allmählich die Puste ausgehen.


Vielleicht kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu, der Menschen dazu motiviert, sich Hilfe zu suchen: dass viele Menschen, die nicht in systemrelevanten Berufen zu Höchstleistungen gefordert sind, aktuell mehr Zeit haben, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Ein einschneidendes Ereignis – sei es persönlicher oder gesellschaftlicher Art – inspiriert uns, zu hinterfragen, ob das eigene Leben wirklich aus einem durchgetakteten, überhetzten Alltag bestehen soll, und die Chance eines Neuanfangs in Betracht zu ziehen.


Es ist eine angemessene emotionale Reaktion, in einer Krisensituation psychische Belastung zu verspüren – ebenso, wie es normal ist, den Verlust eines geliebten Menschen zu betrauern. Es ist sehr natürlich, auf eine unsichere, bedrohliche Situation, die so lange anhält und so unberechenbar ist, mit Einsamkeit, Trauer, Wut und Orientierungslosigkeit zu reagieren. Das ist viel eher eine gesunde als eine kranke Reaktion.


Natürlich kann sich eine solche psychische Belastung auch zu einer behandlungsbedürftigen psychischen Krankheit entwickeln. Sie kann auch eine bereits bestehende Symptomatik verschärfen, und natürlich bedarf es im Falle einer akuten psychischen Erkrankung nach den Diagnosen der International Classification of Diseases (ICD-10) einer professionellen psychotherapeutischen Behandlung sowie gegebenenfalls auch einer medikamentösen Therapie.


Doch eine nachvollziehbare psychische Reaktion auf eine Krisensituation allein hat keinen Krankheitswert. Belastende Situationen, Krisen, Konflikte und Orientierungsfragen sind Themen, die jeden Menschen von Zeit zu Zeit beschäftigen und die im Leben immer wieder auftauchen. Sie bedürfen nicht immer der langen Wartezeit auf einen Therapieplatz. Oft kann in diesem Fall eine Beratung oder ein seelsorgerischer Austausch ausreichen, um eine Lebenskrise zu bewältigen, Entscheidungen zu treffen, Lösungen zu entwickeln, Perspektiven zu eröffnen.


Bild: pyou93 (Pixabay)